Montag, 23. Februar 2015

Der Tag an dem Bert(a)-Balkenbraue mich wütend machte

Sie sitzt mit ihren aufgemalten Bert-Balkenaugenbrauen im dunkelsten Schwarz regelmäßig missmutig an ihrem Platz. Ihre billigen, ebenfalls schwarzen Extensions fallen schulterlang. 
Sie arbeitet eigentlich stets fleißig mit, doch jedes Wort, sei es noch so voller Lob oder spaßig, um sie aus der Reserve zu locken, scheint ihr zu viel. 
Oft rollt sie angenervt mit den Augen. 
Wenn sie sich meldet und etwas richtig Gutes sagt, wirkt sie gleichgültig. 
Ihre Figur würde man als moppelig bezeichnen, hier und da einige Speckröllchen, besonders am Bauch. 
Das hält sie jedoch nicht davon ab eng anliegende Kleidung zu tragen. Im Gegenteil: Sie trägt die hautengste Leggins mit einer großen Würde. 
Gerne würde ich ihr nur ein einziges Mal ein Lächeln abringen. Ein Mal sehen wie ihre versteinerte Maske entspannten Gesichtszügen weicht. 
Doch gerade heute scheint dieses Ziel noch weiter in die Ferne gerückt...


"Frau Herzmoleküüül, wie geht es Ihrem Beeeeeeeeebiiiiii?".
"Oh, es geht ihm prima. Danke!".
"Wissen Sie, dass *Bert(a)-Balkenbraue auch ein Beeeeebiiiii bekommt?".

Ich blicke zu Bert(a) herüber. Sehe wie sich ihr Gesicht noch mehr verfinstert. Ich weiß nicht recht wie ich reagieren soll, wähle aber den für mich in diesem Moment einzig richtigen Weg:
"Ist das wahr, Bert(a)? Das ist ja schön!".
Sie nickt unmerklich. Blickt mich böse an. 
Ich trete näher:
"Man sieht das ja gar nicht".
Sie bewegt ihren Oberkörper einige Zentimeter Richtung Stuhllehne. Ich blicke auf einen Wollcardigan, der mit einem breiten Gürtel verschlossen ist. Dazwischen erahne ich etwas. Es ist ein Bäuchlein, jedoch eher weicherer Art. 
"Wann bekommst du das Baby denn?".
"Juni!".
"Im Juni schon? Wann genau?".
"Die sagen Ende Juni. Mir egal!".
"Hast du keinen Entbindungstermin?".
Sie antwortet nicht. 
"Freust du dich auf das Baby?".
Sie blickt wütend auf, schüttelt angewidert den Kopf: "NEIN!".
Ich fühle mich beklommen. Eine tiefe Traurigkeit überkommt mich. Zudem spüre ich diesen Hass. Diese Wut und zugleich diese Kälte, die sie dem Ungeborenen entgegenbringt. Ihrem Ungeborenen. 
"Behältst du das Baby?".
"NEIN!", sagt sie energisch. 
"Gibst du es zur Adoption frei?".
Ich kann nicht aufhören zu fragen. Ich bin erschrocken. Verzweifelt. Und nun auch wütend. 
"Meine Tante nimmt DAS!".
Ich kann nichts mehr sagen.
So viel Emotionslosigkeit lassen mich erstarren. Ich bin fassungslos. Kann das nicht verstehen. 
Sie ist gerade 18 Jahre alt geworden. 
Sie ist so verdammt kalt. So. So. So. 

Auch nach Stundenende sitzt der Kloß im Hals. 
Ich wende mich an meine Kollegin. Bin irritiert, dass diese Schwangerschaft nicht mir gegenüber thematisiert wurde. 
"Weißt du, dass Bert(a) schwanger ist?"
"War!".
"Nein, ist. Zumindest sagt sie das!".
"Ich bin verdutzt. Sie hat mich letztes Jahr um eine freie Woche gebeten, weil sie abtreiben wollte!".

Jetzt weiß ich nichts mehr. 
Lügt Bert(a) gerade? 
Warum tut sie das? 

In solchen Momenten ist es nicht leicht als Lehrerin zu funktionieren. 
Überall sehe ich Menschinnen, die sich sehnlichst ein Baby wünschen. Die hoffen. Bangen. Verzweifeln. 
Und dann das. Heute. 
Ich würde sie am Liebsten schütteln. 
Anschreien. Laut. 

Ich werde am Mittwoch ein Gespräch mit ihr führen. Unter vier Augen. Und zwei Bert-Brauen. 




Kommentare:

  1. Ich habe Gänsehaut und Tränen in den Augen! Zum einen wegen genau dieser Gleichgültigkeit und der Tasache ansich, aber auch wegen Berta! Was muss einem Kind angetan worden sein, dass es zu so so einer Jungen Frau heranwächst! Ich finde es gut, dass du das Gespräch nochmal unter vier Augen mit ihr führen wirst! Du bist stark, du schaffst das, auch wenn es dir gerade wie ein Marathon vorkommen wird! Hast du eine Kollegin, bei der du dich nach dem Gespräch ausheulen kannst? Danach werden bestimmt Tränen fließen und du brauchst dann jemanden, der sich auffängt! Oder fährst du dann direkt? Meine Super-Penny, wie gerne hätte ich eine Lehrerin wie dich gehabt! Ich wünsche dir (und Berta), dass du es schaffst, bei dem Gespräxh etwas hinter die Fassade schauen zu können. 😘😘😘

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  2. Ich glaube, dass ich auch so eine Art von Teenie war - mir war alles egal - aber nur nach außen hin - innen sah es ganz anders aus - aber um mich musste man kämpfen - also gib nicht auf und versuch dein Bestes.

    als so junger Mensch braucht man Hilfe, vor allem wenn man ganz offensichtlich noch nicht reif genug ist - ich glaube, dass ich in ihrer Situation total verzweifelt wäre und wenn dann auch noch alle auf einen einreden, dann würde ich dicht machen - nur jemand der ihr konkret hilft, der wird es wohl schaffen...

    Viel Glück! Was da so alles an einem Lehrerjob dran hängt, das begreift man wohl wirklich erst wenn man aus der Schle raus ist...

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  3. Meine liebe Penny, ich kann mich den Mädels nur anschließen. Es mich wütend diese Zeilen zu lesen und am liebsten möchte ich zu Berta gehen und sie mal gewaltig schütteln. Doch dann kommen natürlich auch die Gedanken, die uns nicht wissen lassen, was Berta schon alles hat durchmachen müssen. Von allein kann man doch nicht so sein, oder?! Es klingt nicht danach, dass sie in einem behüteten Elternhaus mit viel Nestliebe groß geworden ist... Ich finde es auch super, dass Du noch einmal das Gespräch mit ihr suchen wirst. Du bist eine tolle Lehrerin, Darling!!! ♥

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  4. Nein, ich bin nicht wütend auf Berta. Ganz im Gegenteil: ich würde sie am liebsten einmal in den Arm nehmen und ihr mitteilen, was für ein wundervoller Mensch sie ist. Denn das hat sie vermutlich noch nie von ihren Eltern gehört. Und bestimmt auch nicht, dass ihre Eltern sie lieben. Wer keine Liebe erfahren hat, kann auch selten liebevoll agieren. Wie denn auch?
    Ich bin so froh, dass es Lehrer wie dich gibt!

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