Mittwoch, 25. Februar 2015

Der Tag, an dem Bert(a)-Balkenbraue die Wahrheit sagte

Ich habe Berta heute gesprochen. 
Allein. 
Sie wollte es so. 
Kein Kollege, nur sie und ich. 
Sie saß da auf ihrem Stuhl, klein, beinahe zusammengefaltet. 
Ich kann nicht viel dazu schreiben, weil ich es sehr, sehr schwer finde das überhaupt zu verschriftlichen. 
Aber ich nenne euch die Fakten. 
Sie tun weh.

Schwanger mit 17. Nun gerade 18 Jahre alt. Entdeckt in der 14. Woche. 
Sie wollte es nicht. 
Ließ sich beraten. 
Dann war es zu spät für eine Abtreibung. 
Sie wohnt noch Zuhause. 
Bei Mama. 
Bei Papa. 
Mit dem ein Jahr älteren Bruder. 
Der Vater des Kindes?
Ein "Volltreffer"!
Ein Jahr Beziehung. Schwanger. Freund weg. 
Während ich diese ganzen Informationen aus ihr hole, bleibt sie mir gegenüber ganz freundlich. Und so sachlich. 
So verdammt, verdammt sachlich. Nüchtern. Kalt. 
Ihren Entbindungstermin kann sie nicht auf den Tag genau nennen. 
Ende Juni. Punkt. 
Hast du einen Mutterpass? 
Ja. Sie hat. Natürlich. 
Der ist Zuhause. 
Ich erkläre ihr wie wichtig es ist, den immer dabei zu haben. 
Sie nickt als verstünde sie. Fast glaube ich, sie findet es erstaunlich logisch. 

Wir befinden uns mitten im Ruhrgebiet. 
Im sozialen Brennpunkt. 
Im 21. Jahrhundert. 
In einem Jahrhundert, in dem nunmal Mädchen weiterhin ungewollt schwanger werden. 
Leider. 

Tritt das Baby? 
Spürst du es? 
Ja, das tut sie. 
Sie findet es "komisch"!
Nicht mehr. Nicht weniger. 
Sie reagiert als hätte sie ein lästiges Geschwür im Bauch. 
Das "Geschwür" ist ein kleiner Junge. 
Ein Junge. 
Mein Herz weint. 
Es gibt keinen Namen. 
Es gibt nichts. 

Es gibt Eltern, die es NICHT wissen. 
Sie ist mit einem 600 Gramm schweren Baby im Bauch daheim und keiner weiß es! 
Ich schlucke. Und unterdrücke weiter meine Tränen. Meine Traurigkeit. 

Was machst du mit dem Baby? 
Die Tante. 
Die Tante, die in Italien wohnt. 
Die Tante, die selber keine Kinder bekommen kann.
Diese Tante wird Ende Juni/Anfang Juli einen kleinen Jungen mitnehmen. 
Nach Italien. 
Berta will ihn nie mehr wiedersehen. 
Die andere Tante nimmt sie in einigen Wochen auf, damit sie unbemerkt das Baby bekommen kann. 
Beide Tanten sagen nichts den Eltern. 

Hast du jemanden, der dich mal in den Arm nimmt? 
Mit dem du reden kannst? 
Sie braucht niemanden. 
"Mir geht es gut! RICHTIG gut!".

Ich kann sie nicht knacken. 
Ich biete ihr an, dass ich da bin. 
Dass ich sie jederzeit in den Arm nehme, wenn sie das einfach mal braucht. 
Sie dankt. Aber braucht es ja nicht. 

Ich bin so geplättet von all dem. 

Du kannst das Baby jederzeit behalten. Dich umentscheiden. Es gibt Wege, wenn du es möchtest. Ich würde dir helfen. Du musst es nicht weggeben. 
Es sei reiflich überlegt. Sie will es nicht. 
Bleibt weiter so teilnahmslos als besprächen wir gerade Belangloses, was sie nicht tangiert. 

Auch wenn du das Baby weggibst, dein Baby - deinen Sohn - und du ihn nicht mehr sehen wirst, darfst du nie vergessen: Du wirst dein ganzes Leben lang von nun an eine Mutter sein. Seine. 

Sie blickt mich an. Da! Ich sehe etwas. Flüchtig. Ganz versteckt, aber da. 
"Ich weiß", seufzt sie. 


Eure mitgenommene Penny ❤️



Kommentare:

  1. Traurig. Unendlich traurig. Und weil ich seit Tagen eh wieder sehr nah am Wasser gebaut bin laufen hier schon wieder die Tränen.


    Ich habe Gänsehaut....

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  2. Das ist einfach nur schrecklich ! Ich sitze hier mit Tränen in den Augen - das kann doch alles nicht wahr sein ! Das Mädel tut mir einfach nur leid und der kleine Junge sowiso... Ich kann nur hoffen , dass der kleine Mann bei der Tante ein liebevolles Zuhause findet.
    DAS LEBEN IST NICHT FAIR !

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  3. Ich kann gerade gar nicht in Worte fassen, was ich fühle :(

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  4. Falscher Film. Falsches Posting. Falscher Zeitpunkt.
    Zu spät.
    Gelesen.
    Heute ohne weitere Worte
    Isa

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  5. Berta´s Leben klingt wie ein Film. Unglaublich, dass es das in der wirklichen Welt gibt :-(

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  6. Ich möchte hier nicht moralisierend rüberkommen, aber das ist rechtlich unhaltbar. Wenn Deine Schülerin dir dies anvertraut, musst du dann als ihr Lehrerin nicht darauf hinweisen, dass sie so nicht handeln darf? Wenn dies später rauskommt, dass du Bescheid wusstest, und die Adoptionsbehörden und das rechtlich einzig zulässige Verfahren umgangen wurde, wirst du dann nicht zur Verantwortung gezogen?
    http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/freiwilliges-engagement,did=187728.html#fragment

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    1. In erster Linie bin ich Pädagogin. Keine Sozialarbeiterin.
      Wenn mir jemand sagt, dass er sein Kind von der Tante oder Großmutter aufziehen lässt, ist das zunächst rechtlich wenig problematisch. Das Wort Adoption ist nicht gefallen, denn soweit bin ich bis jetzt nicht zu ihr gedrungen.
      Und es steht mir auch nicht zu einem Menschen in solch einem ersten Antasten anmaßend zu sagen, dass er etwas nicht darf.
      Ich war und bin froh, dass ich nun erstmal weiß, was überhaupt los ist.
      Selbstverständlich habe ich mir unmittelbar (und mit ihrem Einverständnis, welches ich in diesem Fall zwar gar nicht bräuchte, es aber dennoch für unser Vertrauensverhältnis unabdingbar ist!) nachdem ich die Wahrheit erfuhr, an entsprechender Stelle Kollegen und Schulleitung mit ins Boot geholt. Ich kann und will alles Weitere nicht verantworten.

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