Montag, 27. März 2017

Kurz vor dem Ende

Am Wochenende hattest du Geburtstag. 
Ich erinnere mich an viele Geburtstage von dir. Du hast oft frustriert und unzufrieden gewirkt. Geschenke waren dir oft nicht recht und dann zogst du wie ein beleidigtes Kleinkind eine Schippe. DEN.GANZEN.TAG. 
Dann gab es da einen Geburtstag zu einem Zeitpunkt, an dem ich monatelang nicht mit dir sprach. Dir nicht gratulierte. Dich nicht sah. 
Es schien dir nicht wirklich etwas auszumachen, denn wenn, dann hättest du das ändern können. Mit Ehrlichkeit. Einfacher, verdammter Ehrlichkeit. Mit einem Wort, das bedeutet hätte, du würdest verstehen. Du würdest bereuen. Du würdest dich und dein Verhalten ein einziges Mal reflektieren. 
Aber das kannst und konntest du nie, und hey, jetzt - nach so vielen Jahren - wird das auch nichts mehr werden. 

Nun kam jetzt das letzte Wochenende und ich hatte tief in mir drin genau das Gefühl, das sich letztlich bewahrheitete: Es würde eskalieren. 
Es eskalierte. 

Wieder begegnete uns dieses bestimmte Gesicht, bei dem ich seitdem ich denken kann Reißaus nehmen möchte. Bei dem ich dich gerne schütteln würde, dir einen Spiegel vors Gesicht halten würde, um dir vor Augen zu halten, wie du rüberkommst. 

Ich war gereizt. Nicht erst seit kurzem, schon eine ganze Weile reiztest du mich mit deinen unüberlegten Äußerungen und deinen immer so fadenscheinigen Gründen, Kontakt zu suchen, weil du merktest, dass ich mehr und mehr auf Abstand ging. 
Aber anstatt diese Hinweise zu deuten, dich eventuell mal zurückzunehmen und meine Reaktionen auch nur einmal zu hinterfragen, machtest du weiter und weiter. Ignorant wie immer. "Was ich nicht sehe, ist nicht existent!"

Was mich an mir wirklich schockiert, ist die emotionale Abgestumpftheit, die ich mittlerweile euch Beiden entgegenbringe. Ihr könnt mich nicht mehr treffen. Ihr könnt mich nicht mehr unter Druck setzen. Ihr habt keine Macht mehr über mich. Und das fuchst euch. Das tat es schon immer. Früher war ich noch in dieser Abhängigkeit zu euch. Da hattet ihr mich im Griff. Zumindest teilweise. Und das tat weh. Sehr weh. Ich habe nichts mehr gehasst. Ich bin schon früh von Zuhause weggewesen. Habe Zufluchtsorte gesucht u. gefunden, denn ICH wollte nicht von euch abhängig sein. 
Ich weiß noch wie viel Stress ich mit euch hatte, bei JEDER Kleinigkeit. Wie ich weit über das Normale hinaus kämpfen musste, um nicht unterzugehen. Nicht zu verzweifeln. 
Ich weiß noch, wie ich das Abi als Stufenbeste abschloss und mir nicht mal auf die Schulter geklopft wurde. 
Ich weiß noch, wie ich mitten in den Abiprüfungen gesagt bekam, dass ich ein Nichtsnutz sei und zusehen soll, dass ich arbeiten ginge. 
Das weiß ich ALLES noch. 
Das wird nicht weggehen, weil ihr das ignoriert. Ich lebe in keiner Lügenblase, um euch eine Gefälligkeit zu erweisen. Um es euch nicht unbequem zu machen.
Ich weiß noch wie ich rausgeworfen wurde. Beschimpft bis aufs Äußerste. Oh ja, ihr dachtet ihr könnt mich so kleinmachen. Eure Macht erhalten. Aber ich ging. Ich weinte und ging. Ich fühlte mich ungeliebt. Unverstanden. Allein. 

Jetzt am Wochenende mit dickem 37. Woche Zwillingsbauch, mit Kleinkind an der Hand und meinem Ehemann an meiner Seite, habt ihr das wieder versucht. Du hast angefangen, er stieg mit ein. 
Aber ihr habt es nicht geschafft mich zum Weinen zu bekommen. Das schafft ihr nicht mehr. 
Und so nahm mein Mann unseren Sohn und mich an die Hand und wir gingen. 
Es blieb keine Schwere zurück, sondern einfach nur Erleichterung aus dieser bösen, unfairen Situation ohne Wunde, ohne Schramme rausgekommen zu sein. 

In Kürze werde ich zwei weitere Kinder auf diese Welt setzen. Ich werde sie mit Haut und Haar lieben. Ihnen bedingungslos alles an Liebe geben, was ich habe. Ich werde ihnen genauso wie unserem Minimolekül großes Vertrauen in sich selbst mitgeben. Sie bestärken und ermutigen. 
Es ist gut möglich, dass ihr davon nichts mitbekommt, weil ihr euch in eurer Rolle gefallt. Das ist insofern keine Überraschung mehr für mich, weil ich es nicht anders kenne. 
Es wäre so wie immer. 

Ich will das alles so nicht! Vor allem möchte ich kein Gift in unserem Leben. Das muss draußen bleiben. Hier ist dafür kein Platz. KEIN.GIFT.