Dienstag, 31. Januar 2017

Kinderarztrant

Verehrte Molekülweltbesucher, ehe Sie weiterlesen: Das wird hier jetzt nicht heiter werden, sondern Sie lesen eine fuchsteufelswildeste, stinksauerste Frau Herzmolekül. Und das kann beängstigend, ja geradezu verstörend sein, denn ich bin ziemlich gut (und etwas unkontrolliert) darin, wütend zu sein. Und dann vergesse ich mich auch schon mal. Sehen Sie's mir nach oooooooooder ignorieren Sie diesen Post. Das ist okay für mich - ich merk's ja nicht (sonst wäre es nicht wirklich okay, aber gut ;))

Ich hätt' so gern' 'nen Kinderarzt, das wär' wirklich nett
Vor einigen Monaten zogen wir in eine Kleinstadt. Diese Stadt hat wenige - um genau zu sein VIER! - Kinderärzte. Es ist kein Dorf, demnach sind vier Ärzte für eine sich selbst als Familienstadt bezeichnende Ortschaft nicht viel. 
Einer dieser Ärzte, hier eine Ärztin, ist unweit unseres Hauses ansässig. 
Vor einigen Monaten fieberte das Minimolekül hoch und hatte am ganzen Körper rote Flecken. Die Kita meldete sich und bat darum (logischerweise) den Verdacht auf Scharlach (eines der anderen Kinder war daran bereits erkrankt) vom Arzt entweder bestätigen oder ausräumen zu lassen. 
Ich fuhr mit meinem fiebrigen Kind nach Hause, der bisherige Kinderarzt war jetzt geschmeidige 30 km von uns entfernt und telefonierte. 
Natürlich wählte ich als erstes die Nummer der Ärztin in unmittelbarer Nähe. Die Zwillinge im Bauch, da dachte ich halt, dass es a) praktisch und b) clever wäre, wenn wir jetzt eine Praxis hätten, bei der alle drei Kinder gut aufgehoben seien und die zudem fußläufig erreichbar ist. 

Die Realität
Es meldete sich eine sehr stoffelige Dame, der ich Folgendes sagte:

Guten Tag, mein Kind hat hohes Fieber und rote Flecken. Ich möchte gerne zu Ihrer Ärztin. 

Daraufhin kam die Frage, ob wir schon Patienten seien?

Ich verneinte dies und erklärte der Dame, dass wir erst seit 2 Monaten in dieser Stadt wohnen würden u. wir bisher noch keinen Kinderarzt brauchten. 
Das war ihr ziemlich schnuppe und das sagte sie mir auch deutlich: Wir nehmen keine Kinder mehr auf. Das ist eine klare Anweisung der Ärztin. 
Sie versuchte mich abzuwimmeln, ich war jedoch total perplex und sagte ihr, dass ich mit Zwillingen schwanger sei und fragte, ob ich dann mit den Babies auch nicht kommen dürfe?
Genau. Nein! Nein! Nein! 
Meinen Frust darüber ließ ich bei Twitter raus, einen der Tweets las auch der @kinderdok, der sogar so nett war und dazu einen Artikel auf seiner Homepage schrieb und ausführlich die Rechtslage erläuterte -> der Artikel kann hier nachgelesen werden

Was blieb Anderes übrig?
Zwei weitere Ärzte wurden angerufen, die mich aber mit ähnlichen Aussagen abwimmelten. 
Es blieb mir nichts Anderes übrig, als es eine Stadt weiter! erneut zu versuchen. Dort wurde ich vom Kinderarzt persönlich telefonisch beraten und sollte am Nachmittag sofort in die Praxis kommen. 
Der Kinderarzt dort ist ein sehr schrulliger Kauz. Das Minimolekül findet ihn allerdings total cool. Und zwar so cool, dass er eigentlich jeden zweiten Tag fragt, wann er denn mal wieder zum Kinderarzt gehen dürfe. Ich bin jetzt nicht so eine große Fanin von ihm, aber wenn das Kind gerne und ohne Angst zum Arzt geht, was will man mehr? Nun, die Wartezeiten - insbesondere ohne Termin - sind mitunter absolut inakzeptabel. Ich kann und will mir nicht vorstellen, wie ich mit zwei Neugeborenen 1,5 Std. Wartezeit überleben soll? Falls da jemand was weiß: bin gespannt. 
Zum Arzt sind es etwa 10 km. Das fahren Andere innerhalb einer Stadt, das ist also kein Problem. Wobei ich immernoch denke, bzw. dachte: In 800m wäre eine Praxis. Wie fein könnte das sein? Babies in den Kinderwagen, hinschieben, fertig. 

And isn't it ironic?
Am letzten Dienstag bekam das Minimolekül schlimmen Husten, die Nase triefte eitrig und zack, waren da 40 Grad Fieber. Ich rief nachmittags bei unserem Kinderarzt an. Bandansage: Wir sind in dieser Woche nicht besetzt. Bitte wenden Sie sich an unsere Vertretungsärztin...haha und 86 Mal können Sie jetzt alle raten, wer als Vertretung angegeben war? Zufälle gibt's! 
Also die Nummer der "Mir eigentlich schnurz, wir nehmen KEINE KINDER. UND MIT KEINE MEINE ICH: KEINE! GAR KEINE!" Praxis. 
Bandansage: Wir sind heute nicht da. Uns vertritt die Praxis Puselmuckel in Puselmuckelshausen. 
Äh??? Sprechen die sich nicht ab? Die Vertretung ist nicht da und hat eine Vertretung? 
Nun gut, dem Minimolekül ging es mit Zäpfchen weitestgehend gut, also rief ich am Mittwochmorgen direkt wieder bei der Praxis an. 
"Guten Morgen, wir sind eigentlich beim Doktor PIEP in Behandlung. Sie sind als Vertretung angegeben. Mein Kind hat 40 Grad Fieber und ich brauche dringend einen Arzt."

"DAS IST FALSCH! Doktor Piep hat uns einfach angegeben, ohne dass wir davon wissen. Suchen Sie sich eine andere Praxis!"

Sorry, aber nachdem ich einmal sehr laut Luft geholt habe und meine tränengefüllten Augen feste zukniff und den dicken Kloß im Hals herunterschluckte, musste ich was sagen:
"Hören Sie, ich habe hier ein fiebriges Kind. Es hatte erst vor kurzem eine Lungenentzündung und es hustet sehr verdächtig schlimm. Ich MÖCHTE zum Arzt. Sie sind angegeben. Sie sind eine Kinderarztpraxis. ICH will, dass mein Kind untersucht wird!"

"Wir sind voll. Die Ärztin nimmt Sie nicht auf!"

"Ganz ehrlich: Das ist doch ein Scherz. Ich sage Ihnen jetzt mal, was Sie Ihrer Ärztin ausrichten können: Ich werde das definitiv an die Ärztekammer als Beschwerde weitergeben. Ich bin kürzlich schon von Ihnen bei einem Notfall abgewiesen worden. Wir sind hier neu hingezogen, wohnen unweit der Praxis, ich bin schwanger mit Zwillingen und Sie behandeln mein KIND nicht?"

"Sie sind was? Neu zugezogen? Und schwanger? Ja, äh, wir weisen natürlich keine Zugezogenen oder Neugeborene ab. Das machen wir nicht!"

"AHA! Das habe ich vor 3 Monaten ganz anderes am Telefon zu hören bekommen. Da waren genau diese Dinge wortwörtlich UNINTERESSANT!"

"Ich nehme es mal auf meine Kappe. Kommen Sie in einer Stunde vorbei!"

Ich haderte. Besprach eben Gehörtes mit Herrn Herzmolekül. Wir sahen unser kleines, krankes Kind und beschlossen, dass wir (leider ja auch alternativlos, denn es gibt hier keine Kinderklinik!) den Termin wahrnehmen würden. 

Die Dame in weiß
In der Praxis steppte der Bär. Die Leute wurden mit 2-3! Std. Wartezeit wieder nach draußen geschickt. Das Wartezimmer platzte aus allen Nähten. Wir durften sofort in einen Behandlungsraum und nach vielleicht 15 Minuten Wartezeit waren wir dran. Ich weiß nicht welchem Umstand dies geschuldet war: Meinen Worten am Telefon oder der Tatsache, dass ich den Bogen für Privatversicherte ausfüllte? Ehrlich gesagt WILL ich es auch gar nicht mehr wissen. Die Ärztin war Typ Arschnase, Beruf verfehlt. Ich meine, man begrüßt doch seine kleinen Patienten (mich hat sie auch nicht begrüßt, aber das ist egal) und geht auf diese ein, oder? Sie fummelte am Kind rum und raffte nicht, dass dieses einen Body trug. Ich habe ihr dann gesagt, dass ich zum Abhören durchaus den Body öffnen könnte. Lieblos, komplett ohne Einfühlungsvermögen, ohne Erklärung oder gutes Zureden untersuchte sie den Kleinen. Kam dann zum Ergebnis: Yep. Wir segeln geradewegs wieder auf die nächste Lungenentzündung zu. Antibiotikum. Montag zum Abhören wiederkommen. Termin dafür geben lassen. Tschöhö!
Ich bekam für Montagmorgen einen Kontrolltermin und war einfach heilfroh, dass wir dem Minimolekül jetzt Zuhause helfen konnten. 


Das dicke Ende, was mich jetzt echt zum Platzen brachte
Nachdem ich die Ärztin nun kennenlernen durfte, konnte ich zumindest sagen, dass ich sie definitiv bescheuert finde. Und dass ich ihr keineswegs die nächsten Jahre unsere Kinder ärztlich anvertrauen möchte. 
Doch den Kontrolltermin wollte ich natürlich wahrnehmen. 
Und dann klingelte am Freitag mein Telefon. Und ich hörte folgende Worte:
"Sie haben am Montag einen Termin bei uns? Den müssen wir absagen, denn die Ärztin ist krank!"

"...okay...wann kann ich denn dann zur Kontrolle kommen?"

"Gar nicht. Wir geben Ihnen keinen weiteren Termin!"

Quintessenz
In was für einem Land leben wir eigentlich, in dem solche Ärzte praktizieren dürfen? In dem man mit einem kranken Kind betteln muss, damit es medizinisch versorgt wird? In dem sich Ärzte so etwas herausnehmen?
Es ist mehr als offensichtlich, dass sie mich nur aufgrund dessen, dass ich darauf beharrte, dass ich ein krankes Kind habe und sie nichts weiter als unterlassene Hilfeleistung betreiben würden, wenn sie uns nicht aufnähmen, in die Praxis gelassen haben. Und es war ganz sicher von vornherein klar, dass ich diesen Kontrolltermin niemals wirklich bekommen würde. 
Ich bin dermaßen wütend und wasweißichwasalles und werde das nicht so hinnehmen. 
Am ALLERLIEBSTEN würde ich die gesamte Praxis ja einfach vermöbeln, aber aufgrund meines behäbigen Daseins, könnte ich ihnen unterlegen sein. 
Also muss es ein bürokratischer Weg sein. Und den werde ich bestreiten. Weil SO geht's nicht. 
Ich will nicht wissen wie vielen Elter(n) es ähnlich ergeht...

Montag, 16. Januar 2017

Was ich euch versprechen kann

Mein geliebter kleiner Minimolekül-Sohn, meine beiden geliebten Bauchmoleküle,

manchmal sitze ich so da und es fließen die Tränen. Sie laufen und laufen und mein Gesicht besteht aus Tränenbächen, so dass ich nichts mehr sehe. Denn ihr wißt ja, dass ich eine Brille trage. Und dann wünsche ich mir einen Brillenscheibenwischer, aber das nur so am Rande.

Warum ich weine, wollt ihr wissen?
Nun, oftmals ist es grundlos und dann doch so völlig tiefgründig. Ich weine zum Beispiel, wenn ich darüber denke, dass dein, mein kleiner, großer Mann, Kinderwagen demnächst verkauft wird. Ich weine um jeden einzelnen Moment, den du in dieser großen Kinderwagenwanne gekuschelt hast, während ich dich mit übersprudelnder Liebe durch die Gegend schaukelte. Ich weine um jeden Atemzug, den du dort machtest. Um deine großen, neugierigen Säuglingsaugen, wie sie mich unzählige Male aus dem Wagen anschauten. Vertrauensvoll. Geliebt.
Ich weine, weil dann wieder ein Abschnitt vorbei ist und das macht mich einfach derzeit sehr verletzlich.

Wenn ich etwas tiefer (was übrigens, ihr könnt euch das schon denken, nicht ohne Tränen geschieht) in meine Gefühlsmaterie einsteige, wofür ich sehr viel Mut benötige, dann weiß ich, dass meine Tränen sehr viel mehr bedeuten als Wehmut. Sie sind im Grunde alles, was mein Mutterherz und mein eigenes Kinderherz fühlen: Angst. Verunsicherung. Panik. Und Liebe. Liebe. Liebe.

Ich könnt euch nicht vostellen, welche tieftraurigen Momente ich durchlebe, wenn ich mir ausmale, dass wir mal ein schlechtes Verhältnis zueinander haben werden. So wie ich es habe. Zu meiner Mutter. Es ist verkorkst. Es ist so überhaupt nicht so, wie es sein sollte. Wie es zwischen Kindern und Eltern, hier Müttern doch eigentlich normal wäre. Nein, es ist kompliziert. Schwer. Und auch, so fürchte ich, nicht mehr heilbar. Ich kann mein Herz einfach nicht mehr öffnen. Ich versuche es, sie gibt sich tendenziell auch ehrlich Mühe, aber das reicht einfach nicht, dass es jemals gut werden wird. Zu oft verletzt. Zu oft am Boden. Und nie ein Wort der Aussprache. Des Fehlereinräumens. Nichts.

Genau dann werde ich panisch. Was ist, wenn sich Fehler wiederholen? So wie sie eure Großmutter bei mir wiederholte, weil sie es von ihrer eigenen Mutter nicht anders kannte?
Reicht es, dass ich mir der schlimmen, der schlimmsten Verletzungen sehr bewusst bin? Reicht ist, dass ich noch heute spüre, wie weh mir Vieles tat. Wie ich mich fühlte? Ich wünsche es mir von Herzen.

Seit zwei Jahren kann ich dir, mein kleiner Sohn bereits eine Mama sein, die du verdient hast. Oft umtreiben mich Selbstzweifel, ob ich denn auch wirklich die beste Mutter für dich bin? Ich versuche dir in jedem Moment, den wir zusammen sind, zu vermitteln, dass du mit jedem Wutanfall, mit jedem "Geh weg, Mama" und mit jedem Fitzelchen deiner bereits jetzt sehr stärken Persönlichkeit PERFEKT bist. Dass du immer bedingungslos geliebt wirst. Dass ich dich immer SEHE. Dir zuhöre. Dich Ernst nehme. Das beispielsweise habe ich nie vermittelt bekommen. Deswegen frage ich mich, ob du das verstehst wie ich es meine? 

Tief in meinem Herzen glaube ich, dass das die Grundlage für eine glückliche Kindheit und für eine gefestigte Persönlichkeit ist: Das Wissen, dass man bedingungslos geliebt wird. Dass man keine Fehler hat (ich hasse es von Fehlern zu sprechen), sondern eben auch schwierige Eigenschaften. Dass aber genau die guten und die komplizierteren Eigenschaften DICH und deine Geschwister zu den Menschen machen, die ihr seid und sein werdet. Und dass auch sie zu euch gehören. 
Ich will euch dieses Vertrauen in euch und eure Fähigkeiten ins Herz pflanzen. Niemand soll euch jemals das Gefühl geben können, dass ihr NICHTS wert seid. Dass ihr zu fehlerbehaftet seid, um geliebt zu werden.
Wenn ich das schaffen sollte, dass ihr im Umgang mit anderen Menschen zu respektvollen, selbstbewussten, erst kleinen und dann großen Menschen werdet, dann habe ich schon sehr viel erreicht.  

Ich kann euch nicht versprechen, dass wir uns niemals streiten werden. Ich kann euch nicht sagen, dass das Leben immer zuckerwattig sein wird. Ich kann euch nicht versprechen, dass ihr niemals Angst und Kummer erleiden werdet. Ich würde dies alles gerne tun, aber dazu kenne ich das Leben gut genug, um euch nicht anzulügen.
Ich kann euch nicht sagen, dass ich immer mit all euren Entscheidungen einverstanden bin. Dass ich euch niemals reinreden werde. Dass ich immer eine unkomplizierte, entspannte Mutter für euch sein werde, auch wenn ich das von Herzen gerne täte.

Einzig, dass ich euch immer lieben und begleiten werde. Dass ich euch bei Angst und Kummer und auch bei Wut auffange. Dass ich wie eine Löwin für euch kämpfen und einstehen werde. Dass ich euch immer und immer wieder sagen werde, dass alles gut wird. Denn das wird es. Immer. Egal wie lange es dauert. Und euch immer in die Arme schließen werde, wenn ihr das möchtet, das ist das, was ich euch versprechen kann.


Ich liebe dich. Und dich. Und dich.

Mittwoch, 11. Januar 2017

Toni

Du heißt eigentlich mit Vornamen gar nicht Toni. Du heißt so wenig Toni, wie ich Annette oder Ayse heiße. Du hast einen sehr muslimischen Vornamen. Aber dein Nachname, der reimte sich so wunderbar auf Toni (so wie Toni Maccaroni), dass ich vor fünf oder sechs Jahren (ich weiß es nicht mal mehr genau) im Lehrerzimmer stand und du schlakstest da so herein und es war klar: Du bist Toni. 

Mit der Zeit habe ich deinen eigentlichen Vornamen nur noch dir gegenüber formuliert. Insgeheim warst du für alle Toni. Manchmal, wenn du mich in meiner Pausenaufsicht zuquatschtest, da rutschte mir fast versehentlich: "Boar Toni, lass mich mal in Ruhe hier stehen" heraus. Und ich vergaß deinen wirklichen Vornamen im Gespräch oft. Wer dann nicht zum Inner "Toni"-Circle gehörte, der schaute schon echt komisch. Aber egal, du bist Toni. Du wirst das auch bleiben.

Du bist vor vielen Jahren aus einem afrikanischen Land zu uns gekommen. Dass ich das Land nicht genauer definieren kann, macht mich seit zwei Tagen ziemlich traurig. Ich weiß es nicht (mehr). Ich habe es vergessen. Es ist nicht so, dass ich mich nicht für deine Herkunft interessiert habe, aber es war immer wahnsinnig anstrengend für mich und alle Anderen sich mit dir auf Deutsch zu unterhalten. Wie oft kamen Schüler zu mir und sagten: "Der Herr T., der ist total nett. Aber wir verstehen kein einziges Wort von dem, was er sagt/erklärt!" und ich versuchte ihnen immer Mut zu machen dann eben 25678 Mal nachzufragen oder dir direkt zu sagen, dass sie dich nicht verstehen.

Ich war immer ehrlich zu dir. Du hast mich manches Mal absolut in den Wahnsinn getrieben. Du hast so eine Art, die mir immer sagte:" Hallo, kleines, dummes Mädchen. Ich erkläre dir mal die große, weite Welt des Lehrerberufes!" Puuuuh, ich weiß gar nicht wie oft ich dich im Lehrerzimmer angeblufft habe oder dir manche Morgende auch regelrecht aus dem Weg ging, weil ich schlichtweg keinen Nerv auf weitere Belehrungen deinerseits hatte. Und das habe ich dir auch gesagt: "Toni, bitte quatsch mich um 7 Uhr nicht wegen XYZ an. Später, ja?"
Nie nahmst du mir das krumm. Meist hast du gelacht, irgendwas in dich hineingefaselt, was ich nicht verstand und gut war.

Bei deinen Schüler lässt du Milde und Güte walten. Und das hat dich schon sehr oft an deine persönlichen Grenzen gebracht. Sie respektierten dich als muslimischen Älteren, aber nicht als Pädagogen. Dazu bist du zu weich. Zu nachlässig. Zu lieb.

Als ich vor 3 Monaten die Schule verließ, hatten wir zuvor große Probleme in meiner Klasse. Die Schüler waren aufmüpfig und frech. Besonders zu dir. Es war dir meist gar nicht möglich dort zu unterrichten. Unzählige Gespräche, Sanktionen und andere pädagogische Maßnahmen versagten. Das tat mir aufrichtig leid für dich. Denn du bist ein Guter. Wirklich.

Wenn du nicht gerade eine deiner Belehrungen (die du übrigens, so bin ich sicher, niemals böse meinst, nur leider nicht bemerkst, wie falsch das ankommt!) losgelassen hast, kamst du immer - und ich meine IMMER - zu mir und hast mir irgendetwas zu essen angeboten. Okay, du warst da auch schon sehr penetrant, denn wenn ich morgens um 8 Uhr noch keine mit Zwiebeln gefüllten Hackfleischrollen essen mochte, dann hieltest du mir die Tupperdose trotzdem stur weiterhin vor die Nase. Und noch einen Zentimeter. Und noch einen. Jetzt sitze ich hier und grinse. 
Und du hattest immer kiloweise Obst dabei, damit du das gesamte Kollegium notfalls hättest durchbringen können.

Damit deine fünf Kinder es besser/leichter haben würden als du, hast du ihnen die bestmöglichste Ausbildung angedeihen lassen. Und so leben sie alle mit deiner Frau seit nunmehr drei Jahren in England. Deine älteste Tochter hat dort gerade einen Studienplatz ergattert und du hast mir davon zu recht wahnsinnig stolz erzählt.
Gerade das finde ich sehr bemerkenswert an dir. Du, der tiefgläubige Moslem, dessen Töchter ausnahmslos Kopftuch tragen müssen, du wolltest, dass sie was lernen. Nicht nur deine Zwillingssöhne, sondern mindestens genauso deine Töchter. Sie sollten einen Beruf erlernen. Selbständig werden. Sich selber ernähren können. Und dafür nahmst du schon diese vielen Jahre des Getrenntseins in Kauf. FAST JEDES Wochenende fuhrst du mit dem Auto zu ihnen. Und wenn dann mal eine Zahnspange fällig war, dann holtest du "mal eben" eines deiner Kinder sonntags ab und brachtest es dann freitags einfach wieder zurück. Ich weiß noch, dass ich dir häufig sagte, wie zeitintensiv diese Fahrerei sein müsste und du hast es jedes Mal abgewunken. 

Toni, du siehst (wenn du das auf deiner Wolke oder in deinem Paradies unter einem Apfelbaum im Schatten sitzend liest) mir fällt es schwer über dich in der Vergangenheit zu schreiben. Ich kann es nicht verstehen, dass du - fast auf den Tag ein Jahr nachdem H schon so jung aus unserem Kollegium und unserer Welt gegangen ist - auch gegangen bist.
Es macht mich unfassbar traurig, dass du so allein, ohne deine Familie so plötzlich von heute auf morgen gehen musstest. Dass du samstags vor Schmerzen ins Krankenhaus gehst und sonntags nicht mehr aufwachst. Das ist alles unbegreiflich. Bestürzend. Traurig.

Ich war - wie ich schon schrieb - ganz oft genervt von dir. Aber ebenso wie ich genervt war, habe ich dich immer als sehr lieben, gutmütigen Menschen betrachtet.
Du wirst fehlen. Wieder einer wird fehlen. Wieder wird ein schwarzes Band um das Kollegiumsbild im Eingangsbereich der Schule hängen und wieder einmal werde ich schlucken müssen, wenn ich es sehe. Oder wenn ich dein Fach sehe. Oder wenn ich afrikanische Hackfleischrollen sehe.


Penny