Freitag, 28. April 2017

Our lives are made in these small hours - These little wonders

Heute sollte also der Tag sein. Der Tag, an dem wir ins Auto stiegen und ins Krankenhaus fuhren. An dem wir euch in dieser Welt begrüßen wollten. Sehnsüchtig erwartet. Schon jetzt geliebt bis in eure winzigen Zehenspitzen. 

Als wir euren kleinen-großen Bruder gemeinsam in die Kita brachten, war mir zum Weinen. Nichts würde mehr so sein wie vorher. Nie mehr würde ich mein kleines Minimolekül als Einzelkind aus der Obhut der Kita abholen. 
Es war ein mulmiger Abschied. Ich wollte nicht von meinem Kind getrennt sein. Ich wollte ihn bei mir, bei uns, haben. 
Auch der kleine Kerl spürte all die neuen Dinge, die da warteten und war irritiert. Ich wollte ihn gar nicht loslassen und hielt ihn so fest. Und er mich. Wir hielten uns alle drei und mir war plötzlich so schwer ums Herz. Da standen wir nun im Vorraum dieser Kita und würden uns gleich auf dem Weg machen in unser neues Leben zu fünft. 
Im Auto weinten wir beiden supitaffen Eltern hemmungslos. Anspannung und Sorge um euren Bruder, wie er das wohl verpacken würde (da gingen wir noch total euphorisch von einer Nacht aus) von uns getrennt zu sein, mussten raus. Sollten nicht unausgesprochen den Weg zum Krankenhaus begleiten. 
Wir sagten uns gegenseitig, dass alles gut ist und werden würde und fuhren los. 

Im Krankenhaus angekommen sollte ich sofort in den Kreißsaal. Da wir die Anmeldung zur Geburt im Vorfeld bereits gemacht haben, wurde ich ans Ctg geschlossen. Toc-Toc, Go-Gong. Eure Herzen, diese schlagenden, wild galoppierenden Herzen in meinem Bauch, die werde ich niemals vergessen. Ich wusste sofort, wo von euch welches Herzchen zu finden war und so verging eine lange Zeit des Aufzeichnens.
Irgendwann gegen Mittag (wir waren um 9 Uhr in der Klinik) konnten wir ein Familienzimmer beziehen. Um 14:30 Uhr sollte ich erneut zum Ctg und zur ersten Einleitungsminiportionsverabreichung (super Wort *auf_Schulter_klopf) im Kreißsaal erscheinen. 
Dort bekam ich eine Viertel Probetablette. Der MuMu wurde endlich mal von einer Hebamme untersucht und der Befund war nicht überraschend für mich: noch nicht vollständig verkürzt, etwa 1 cm durchlässig, weich. "Sie bekommen Ihre Kinder schon so. Es dauert eben nur etwas!", sagte der Chefarzt. Und tief in mir drin wusste ich, dass das SO defintiv nicht funktionieren würde. 
Die mich bis dahin betreuende Hebamme, die auch letztlich bei eurer Geburt dabei sein würde, hatte gerade ihren dritten Arbeitstag in dem Krankenhaus. Sie war Anfang 20 und so sehr ich mir Mühe gab sie als kompetende Frau zu sehen, so sehr gab sie sich Mühe dieses Bild auf gar keinen Fall abzugeben. Das war anstrengend. Jedes Mal beantwortete sie eine Frage, ging aus dem Raum, kam nach zwei Minuten wieder herein und sagte: "Entschuldigung, ich habe jetzt nochmal nachgefragt. Das wird hier genau anders gemacht als ich es kenne."

Ich bin jetzt nicht so der total verständnislose Mensch und sie war auch wirklich ganz putzig, aber bei so manchen elementaren Dingen ging mir das langsam auf den Keks.
Jedenfalls wurde ich wehenlos auf mein Zimmer geschickt und sollte gegen 19 Uhr wiederkommen (oder eben eher!).
Um 19 Uhr holte ich mir also eine weitere Dosis (1/2 Tablette) ab und wurde wieder nach einem ellenlangen Ctg und unverändertem Befund aufs Zimmer geschickt. 
"Kommen Sie gegen 0 Uhr wieder!"
Gegen 21 Uhr tat sich plötzlich was. Wehen. Von 0 auf 100. Hui. Ich veratmete. Stoppte die Zeit. Alle 2 Minuten. Yippieyeah. Der Wehenknopf am Rücken war wieder aktiviert, man hatte ich diesen krassen Rückenschmerz mal so gar nicht vermisst. Halleluja, das tut weh, also gehen wir mal zum Kreißsaal. 
Dort angekommen war gerade der Schichtwechsel im vollen Gange. Und leider erwischte mich Prinzessin Valium persönlich als nun diensthabende Hebamme. Als erstes erklärte ich ihr die Sachlage. Also, dass da Zwillinge in meinem Bauch wohnen, dass ich bereits die zweite Dosis Tabletten in mir habe, dass ich - verdammte scheisse tut das weeeeeeeeheeeeeeee - gerade herumwehe und veratmen muss und dass es die Anordnung des Chefarztes gäbe, dass mir bei regelmäßigen Wehen unverzüglich eine PDA gesetzt werden sollte.
Alles Dinge, die bei der Patientenübergabe eigentlich die Hebammen weitergeben sollten. Nicht der Patient. Und schon gar nicht eine schnaubende Gebärende. 
Von der PDA wollte die Dame nichts wissen. Es war mittlerweile 22:30 Uhr, ich musste während der Wehen am Ctg hängen und dachte kurzfristig darüber nach (nicht zum letzten Mal) diese ganze Geschichte hier abzublasen und irgendwann in nächster Zeit dann nochmal neu zu starten. 
Stattdessen sollte mein MuMu nochmals getastet werden. Leider war die Hebamme als einzige dazu nicht in der Lage. Sie fummelte unter starken Wehen an mir herum, drehte ihre Hand, ich schrie vor Schmerzen und sie pröckelte weiter an mir herum. Irgendwann gab sie auf, es war alles voller Blut und sagte, dass man da ja gar nicht drankäme. Ich erklärte ihr entkräftet, dass sie die EINZIGE wäre, die nicht drankäme. Das war ihr egal. 
Von da an blutete ich wie ein kleines aufgespießtes Ferkelchen, aber das tat sie mit: "Das war ich aber nicht!" ab. 
Gegen 3 Uhr in der Nacht, nachdem ich Wehe um Wehe veratmete, bekam ich einen Schmerztropf und konnte ein wenig  wegdämmern. Nach 30 Minuten war die Wellnessphase wieder vorbei und es ging wieder los. Dieses Mal in 1 Minuten Abständen. Wieder wollte sie den Befund abtasten. Wieder tat es einfach nur weh, weil sie in den Wehen keine Pause machte, wieder sagte sie dann nach Minuten des Herumpöckelns, dass sie nicht drankäme. Und dann lehnte sie sich an die Tür und sagte mehrmals: "Hmmmm....hmmmm...hmmmmm...was mache ich denn jetzt mit Ihnen...hmmm..."
"Wenn Sie das nicht können, dann holen Sie jetzt sofort den diensthabenden Arzt. Meine Frau hat Wehen. Sie sind nicht in der Lage den MuMu zu ertasten und es soll EIGENTLICH SEIT STUNDEN eine PDA gelegt werden!", tönte euer Vater. Ich war so froh, dass er diesen Part für mich übernahm. Ich konnte einfach nicht mehr und fühlte mich nicht gut betreut. Jemand, der vor einer wehenden Schwangeren steht und minutenlang lautstark darüber nachdenkt, was jetzt zu tun wäre, vermittelte mir kein gutes Gefühl. 
Gegen 4 Uhr ließ sie endlich einen Arzt kommen. Dieser untersuchte mich. 2-3 cm. Für eine PDA zu früh, sprachs und rauschte ab in die Nacht. 
Ooookaaaay, sprach ich und kotzte den Kreißsaal und alles um mich herum voll. Nierenschälchen um Nierenschälchen wurden mir panisch gereicht, ich wehte und kotzte und fluchte. 
Plötzlich verschwand Valia (ich nenne sie jetzt mal so) und zack...eine halbe Stunde nachdem er verschwand, stand der Oberarzt wieder vor mir. "Ihnen geht es ja gar nicht gut. Sie bekommen die PDA. Denn Sie werden noch lange ausharren müssen so wie es aussieht."
Joar, mach mir Mut. Seeeeehr subtil, Freundchen! 
Um kurz nach 5 Uhr morgens saß die PDA. Euer Vater wurde für zwei Stunden zum Schlafen geschickt. Er wollte nicht weg. Ich bestand drauf und schwor ihm, dass er a) in 1 Min vom Familienzimmer im Kreißsaal wäre, falls sich was täte und b) sich nichts täte. 
Er ging und kam sichtlich gerädert gegen 7 Uhr morgens wieder. 

Derweil hatte ich's recht gemütlich. Ich lag im Kreißsaal Nr. 6 in meinem hintransportierten Krankenhausbett und diese PDA...also die war himmlisch. Ich war begeistert und kam wieder zu Kräften. Der Wehenschreiber schlug heftigst aus und ich spürte diese Wehen nicht. Ein Träumchen! Mein Bauch wurde steinhart und ich ließ ihn arbeiten. Ich duselte immer wieder ein und blickte dann ungläubig auf die krass aufgezeichneten Zacken. Wir frühstückten etwas und ich wehte gelassen dabei weiter. "Das ist dermaßen easy", sagte ich zu eurem Vater "so gebäre ich auch sechs Kinder!" 
Mein Urinkatheter wurde regelmäßig geleert und ich - als absolute Urinkatheterfrischlingstante - war auch davon fasziniert, denn man merkt ja gar nicht, dass man Pipi macht. Voll ulkig. 
Irgendwann wurde es nass. Es war gegen 11 Uhr. Die Fruchtblase von dir, unserer erstgeborenen Miniprinzessin war gesprungen. Ich feierte diesen Moment regelrecht ab. Die Nachtschichthebamme war mittlerweile zum Sandmännchen geschickt worden und die kleine "Es ist definitiv SO-ach ne doch nicht" war back in da Kreißsaal. 
Und diese Spaßbremse antwortete auf "Juchu, jetzt MUSS es ja bald losgehen!" "Äh, neeee...das dauert noch!"
Als Motivationschoach wäre sie eine Niete, aber egal. 

Um 13 Uhr kam die Oberärztin um uns alle auf den neuesten MuMu-Stand zu bringen. 
Und ich muss sagen, wir gelangten da an einen Punkt, an dem ich mich wie eine eingeschnappte Leberwurst bockig in die Ecke hätte werfen können. Denn nach nunmehr 14 Stunden Wehen, war der Befund unverändert. Zu allem Überfluss ebbten die Wehen zunehmend ab. Da tat sich nichts und würde sich auch nichts mehr tun. Mir war's klar. Ich war traurig. Beide Babies lagen in idealer Geburtsposition und es tat sich einfach nichts. 
Ich besprach die Sachlage sehr klar mit eurem Papa. Sagte ihm, dass das definitiv auf einen Kaiserschnitt hier hinauslaufen würde. Ich war recht gefasst, er glaubte noch nicht dran. Doch ich hatte das im Gefühl. 
Um 15 Uhr - die Wehen waren mittlerweile gänzlich verschwunden - wurde nochmal abgetastet. Alles beim Alten. Der Obermuftichefarzt kam herein und versuchte mir seeeeeehr schonend beizubringen, dass das mit der natürlichen Geburt nichts werden würde. Ich sagte ihm mehrmals, dass ich das bereits wüsste. Dass ich es akzeptiere. Und dass ich euch einfach gesund im Arm halten möchte. 
Er versuchte mich mit den Worten: "Geburtsstillstand, da können Sie nichts machen, Sie waren jetzt so tapfer..." zu trösten, aber das hätte er nicht gebraucht. Ich war erschöpft und nach fast 24 Stunden realistisch genug, um die Situation so zu sehen wie sie war: aussichtslos. 
Und da ich zum Gebären kam, wollte ich dies auch endlich tun. 
Ich hätte euch liebend gerne - wie euren Bruder - aus eigener Kraft in diese Welt geboren, das versichere ich euch. Aber eure Geburt, so wie sie war, war dennoch wunderschön. So wunderwundervoll. 

Um 17:08 Uhr und 17:09 Uhr hörte ich zwei gellende Babyschreie. Euer Papa war die ganze Zeit an meiner Seite und ich trug tief in mir eine solche Zuversicht und Ruhe, während an mir gerüttelt wurde, dass alles gut ist und hatte keine Angst.
Und dann ward ihr da. Ich bekam euch kurz gezeigt und mir liefen die Tränen. So schöne Kinder. So! wahnsinnig! schöne! Wunder! 
Während ich wieder "zugetackert" wurde, untersuchten euch zwei Kinderärzte. Und als ich wenig später in den Kreißsaal zurückkam, wurdet ihr mir sofort in die Arme gelegt. Wir kuschelten und ich bedeckte euch mit Küssen, umhüllte euch mit meiner unbändigen Liebe und gab euch all das, was man seinen Kindern mit auf die Welt geben möchte, wenn man sie bedingungslos liebt: Die Sicherheit immer für euch da zu sein. 

Ich hoffe ihr spürt an einem jeden Tag, dass ich euch unendlich liebe? Dass ich euch drei jeden Tag immer wieder voller Dankbarkeit betrachte. Dass ich dieses Glück noch immer nicht wirklich fassen kann und mich dennoch dazu zwinge es zu fassen. Denn die Zeit ist zu kostbar, um das nicht zu tun. 

Wir haben nur dieses eine Leben. Ich werde dafür Sorge tragen, dass eures bis zum Rand mit Liebe und Geborgenheit gefüllt sein wird. 

Donnerstag, 6. April 2017

25102620

DAS sind die Zahlen, aus denen seit Dienstagabend unser erweitertes und nun komplimentiertes Glück besteht. 
Ich sitze derweil im Krankenhausbett und bestaune unsere Kinder. Unsere Doppel-Glücksmoleküle, die da jetzt so stürmisch in unsere Herzen geplatzt sind. Also gut, ich meine wehenstürmisch und dann "ach neeee, doch nicht", aber dazu dann vielleicht ein anderes Mal. 
Und jetzt bin ich hier mit meinen drei Kindern und einem so wirklich richtig tollen Ehemann und Vater und kann dieses Glück noch immer nicht fassen. Denn wir haben und hatten es: Pures, dreifaches Glück. 
Von Herzen wünsche ich all denen da draußen, die sich ebenfalls ein Wundermenschlein erhoffen, dass es (endlich) klappt. 
Das gehört nicht gerade zu den frommsten Wünschen, aber ich spreche das einfach so tief aus meinem Herzen aus, da ist für Bescheidenheit kein Platz. 

Ich melde mich sicher wieder. 
Danke für all die lieben Gedanken und Nachfragen. 
Und danke an Twitter. Ich bin nämlich da in einer Twitterbubble...hui, die ist wirklich besonders. Also falls jemand regelmäßigen Herzmolekülreport mag, dann darüber. 

Penny, die versichern kann: Glück und Liebe potenzieren sich. ❤❤❤❤



Montag, 27. März 2017

Kurz vor dem Ende

Am Wochenende hattest du Geburtstag. 
Ich erinnere mich an viele Geburtstage von dir. Du hast oft frustriert und unzufrieden gewirkt. Geschenke waren dir oft nicht recht und dann zogst du wie ein beleidigtes Kleinkind eine Schippe. DEN.GANZEN.TAG. 
Dann gab es da einen Geburtstag zu einem Zeitpunkt, an dem ich monatelang nicht mit dir sprach. Dir nicht gratulierte. Dich nicht sah. 
Es schien dir nicht wirklich etwas auszumachen, denn wenn, dann hättest du das ändern können. Mit Ehrlichkeit. Einfacher, verdammter Ehrlichkeit. Mit einem Wort, das bedeutet hätte, du würdest verstehen. Du würdest bereuen. Du würdest dich und dein Verhalten ein einziges Mal reflektieren. 
Aber das kannst und konntest du nie, und hey, jetzt - nach so vielen Jahren - wird das auch nichts mehr werden. 

Nun kam jetzt das letzte Wochenende und ich hatte tief in mir drin genau das Gefühl, das sich letztlich bewahrheitete: Es würde eskalieren. 
Es eskalierte. 

Wieder begegnete uns dieses bestimmte Gesicht, bei dem ich seitdem ich denken kann Reißaus nehmen möchte. Bei dem ich dich gerne schütteln würde, dir einen Spiegel vors Gesicht halten würde, um dir vor Augen zu halten, wie du rüberkommst. 

Ich war gereizt. Nicht erst seit kurzem, schon eine ganze Weile reiztest du mich mit deinen unüberlegten Äußerungen und deinen immer so fadenscheinigen Gründen, Kontakt zu suchen, weil du merktest, dass ich mehr und mehr auf Abstand ging. 
Aber anstatt diese Hinweise zu deuten, dich eventuell mal zurückzunehmen und meine Reaktionen auch nur einmal zu hinterfragen, machtest du weiter und weiter. Ignorant wie immer. "Was ich nicht sehe, ist nicht existent!"

Was mich an mir wirklich schockiert, ist die emotionale Abgestumpftheit, die ich mittlerweile euch Beiden entgegenbringe. Ihr könnt mich nicht mehr treffen. Ihr könnt mich nicht mehr unter Druck setzen. Ihr habt keine Macht mehr über mich. Und das fuchst euch. Das tat es schon immer. Früher war ich noch in dieser Abhängigkeit zu euch. Da hattet ihr mich im Griff. Zumindest teilweise. Und das tat weh. Sehr weh. Ich habe nichts mehr gehasst. Ich bin schon früh von Zuhause weggewesen. Habe Zufluchtsorte gesucht u. gefunden, denn ICH wollte nicht von euch abhängig sein. 
Ich weiß noch wie viel Stress ich mit euch hatte, bei JEDER Kleinigkeit. Wie ich weit über das Normale hinaus kämpfen musste, um nicht unterzugehen. Nicht zu verzweifeln. 
Ich weiß noch, wie ich das Abi als Stufenbeste abschloss und mir nicht mal auf die Schulter geklopft wurde. 
Ich weiß noch, wie ich mitten in den Abiprüfungen gesagt bekam, dass ich ein Nichtsnutz sei und zusehen soll, dass ich arbeiten ginge. 
Das weiß ich ALLES noch. 
Das wird nicht weggehen, weil ihr das ignoriert. Ich lebe in keiner Lügenblase, um euch eine Gefälligkeit zu erweisen. Um es euch nicht unbequem zu machen.
Ich weiß noch wie ich rausgeworfen wurde. Beschimpft bis aufs Äußerste. Oh ja, ihr dachtet ihr könnt mich so kleinmachen. Eure Macht erhalten. Aber ich ging. Ich weinte und ging. Ich fühlte mich ungeliebt. Unverstanden. Allein. 

Jetzt am Wochenende mit dickem 37. Woche Zwillingsbauch, mit Kleinkind an der Hand und meinem Ehemann an meiner Seite, habt ihr das wieder versucht. Du hast angefangen, er stieg mit ein. 
Aber ihr habt es nicht geschafft mich zum Weinen zu bekommen. Das schafft ihr nicht mehr. 
Und so nahm mein Mann unseren Sohn und mich an die Hand und wir gingen. 
Es blieb keine Schwere zurück, sondern einfach nur Erleichterung aus dieser bösen, unfairen Situation ohne Wunde, ohne Schramme rausgekommen zu sein. 

In Kürze werde ich zwei weitere Kinder auf diese Welt setzen. Ich werde sie mit Haut und Haar lieben. Ihnen bedingungslos alles an Liebe geben, was ich habe. Ich werde ihnen genauso wie unserem Minimolekül großes Vertrauen in sich selbst mitgeben. Sie bestärken und ermutigen. 
Es ist gut möglich, dass ihr davon nichts mitbekommt, weil ihr euch in eurer Rolle gefallt. Das ist insofern keine Überraschung mehr für mich, weil ich es nicht anders kenne. 
Es wäre so wie immer. 

Ich will das alles so nicht! Vor allem möchte ich kein Gift in unserem Leben. Das muss draußen bleiben. Hier ist dafür kein Platz. KEIN.GIFT.

Montag, 6. Februar 2017

Deutschland - deine Kinder

Unsere Nachbarn. Unsere direkten Nachbarn sind ein skurriler und liebenswürdiger 3-Generationen-Familienhaufen. Alle etwas ulkig in ihrem Dasein, aber sehr, sehr nett und herzlich. Herr Herzmolekül findet sie zwar manchmal etwas "nervig", aber selbst er kann das, was ich jetzt gleich erzählen werde nur entrüstet und kopfschüttelnd kommentieren. Denn es ist traurig. 

Unsere Nachbarin (die 2. Generation) und ihr Mann haben zwei Kinder. Beide sind volljährig und gehen mittlerweile ihre eigenen Wege. Nun ist es aber so, dass sich besonders unsere Nachbarin derzeit aufopfernd beim Jugendamt um ein Pflegekind bemüht. Entsprechende Kurse wurden bereits belegt und das Kinderzimmer ist grob hergerichtet. Grob deshalb, weil das Kind, jenes sie alle definitiv mit Liebe und Fürsorge überschütten würden, sich seine Zimmerfarbe und die restliche Gestaltung "damit es von vornherein weiß, dass es sein Zimmer und sein Zuhause ist!" aussuchen kann. 

Nun war letzte Woche die Ansprechpartnerin und Vermittlerin vom Jugendamt da. Sie hätten da einen kleinen, achtjährigen Jungen für die Familie gehabt, sagte sie. 
Nanu, und warum hätten? Wir nehmen ihn gerne bei uns auf, sprach es aus der Nachbarin. Ihr Herz pumperte schon jetzt vor Aufregung und sie dachte da noch, dass dieses "hätte" zwar mit einem ABER, jedoch nicht mit einem ACH NE, DOCH NICHT, belegt sein würde. Und ein ABER gibt es ziemlich oft. Damit kann man umgehen und es ggf. widerlegen.
Nun, erklärte die Jugendamtstante, es wäre nicht mehr möglich diesen kleinen Jungen in die Familie zu integrieren. 
Da klingelten der Nachbarin bereits die Ohren: "Äh, bitte was???" 
Der Kleine stamme aus schrecklichen Verhältnissen. Verwahrlost. Völlig verstört und in seinem bisherigen Leben ohne Liebe sei er aufgewachsen. In seinen jungen Jahren habe er bereits die Verantwortung für seinen noch jüngeren Bruder getragen und überhaupt sei alles ganz schrecklich für ihn gewesen. 
Ja, ja, es ist uns schon klar, dass die Kinder nicht ohne Grund in Pflegefamilien aufgenommen werden, wir nehmen ihn gerne, versicherte die Nachbarin weiter. 
Leider, leider sei ihnen [dem Jugendamt] ein KLEINER Fehler unterlaufen. Das Kind war in einer Bereitschaftspflegefamilie untergebracht und die maximale Verweildauer wurde dort überschritten. Das Kind habe sich an die Pflegefamilie zu sehr gewöhnt und wolle nicht mehr woanders hin, wurde gesagt. 
Das konnte meine Nachbarin dann schon nachvollziehen. Ein Kind mit solch einer tragischen Geschichte, welches sich vermutlich erstmalig in seinem Leben sicher fühlt, wer will das absichtlich wieder zerstören? 
Die Jugendamtstante druckste so ein wenig herum: Najaaaaaaa, so sei es nun auch nicht. Die Bereitschaftspflegefamilie sei nicht bereit das Kind als Pflegekind bei sich aufzunehmen. Sie gäben den Jungen nun wieder ab und nähmen zwei neue Kurzzeitpflegekinder bei sich auf. 
UND WO KOMMT DER JUNGE DANN HIN?, fragte die Nachbarin entsetzt. 

Ins Kinderheim. Er ist einfach nicht mehr als familientauglich einstufbar. 

Ein Achtjähriger. "Nicht mehr familientauglich". Ein ACHTJÄHRIGER!!! 
-

Die Nachbarin und ich treffen uns auf der Straße. Sie erzählt mir diese leider wahre Geschichte. Mir wird ganz anders. Ihr wird ganz anders. Ich gehe stumm ins Haus, setze mich auf die Couch und lasse den Tränenstrom aus Wut und Traurigkeit einfach laufen...

Dienstag, 31. Januar 2017

Kinderarztrant

Verehrte Molekülweltbesucher, ehe Sie weiterlesen: Das wird hier jetzt nicht heiter werden, sondern Sie lesen eine fuchsteufelswildeste, stinksauerste Frau Herzmolekül. Und das kann beängstigend, ja geradezu verstörend sein, denn ich bin ziemlich gut (und etwas unkontrolliert) darin, wütend zu sein. Und dann vergesse ich mich auch schon mal. Sehen Sie's mir nach oooooooooder ignorieren Sie diesen Post. Das ist okay für mich - ich merk's ja nicht (sonst wäre es nicht wirklich okay, aber gut ;))

Ich hätt' so gern' 'nen Kinderarzt, das wär' wirklich nett
Vor einigen Monaten zogen wir in eine Kleinstadt. Diese Stadt hat wenige - um genau zu sein VIER! - Kinderärzte. Es ist kein Dorf, demnach sind vier Ärzte für eine sich selbst als Familienstadt bezeichnende Ortschaft nicht viel. 
Einer dieser Ärzte, hier eine Ärztin, ist unweit unseres Hauses ansässig. 
Vor einigen Monaten fieberte das Minimolekül hoch und hatte am ganzen Körper rote Flecken. Die Kita meldete sich und bat darum (logischerweise) den Verdacht auf Scharlach (eines der anderen Kinder war daran bereits erkrankt) vom Arzt entweder bestätigen oder ausräumen zu lassen. 
Ich fuhr mit meinem fiebrigen Kind nach Hause, der bisherige Kinderarzt war jetzt geschmeidige 30 km von uns entfernt und telefonierte. 
Natürlich wählte ich als erstes die Nummer der Ärztin in unmittelbarer Nähe. Die Zwillinge im Bauch, da dachte ich halt, dass es a) praktisch und b) clever wäre, wenn wir jetzt eine Praxis hätten, bei der alle drei Kinder gut aufgehoben seien und die zudem fußläufig erreichbar ist. 

Die Realität
Es meldete sich eine sehr stoffelige Dame, der ich Folgendes sagte:

Guten Tag, mein Kind hat hohes Fieber und rote Flecken. Ich möchte gerne zu Ihrer Ärztin. 

Daraufhin kam die Frage, ob wir schon Patienten seien?

Ich verneinte dies und erklärte der Dame, dass wir erst seit 2 Monaten in dieser Stadt wohnen würden u. wir bisher noch keinen Kinderarzt brauchten. 
Das war ihr ziemlich schnuppe und das sagte sie mir auch deutlich: Wir nehmen keine Kinder mehr auf. Das ist eine klare Anweisung der Ärztin. 
Sie versuchte mich abzuwimmeln, ich war jedoch total perplex und sagte ihr, dass ich mit Zwillingen schwanger sei und fragte, ob ich dann mit den Babies auch nicht kommen dürfe?
Genau. Nein! Nein! Nein! 
Meinen Frust darüber ließ ich bei Twitter raus, einen der Tweets las auch der @kinderdok, der sogar so nett war und dazu einen Artikel auf seiner Homepage schrieb und ausführlich die Rechtslage erläuterte -> der Artikel kann hier nachgelesen werden

Was blieb Anderes übrig?
Zwei weitere Ärzte wurden angerufen, die mich aber mit ähnlichen Aussagen abwimmelten. 
Es blieb mir nichts Anderes übrig, als es eine Stadt weiter! erneut zu versuchen. Dort wurde ich vom Kinderarzt persönlich telefonisch beraten und sollte am Nachmittag sofort in die Praxis kommen. 
Der Kinderarzt dort ist ein sehr schrulliger Kauz. Das Minimolekül findet ihn allerdings total cool. Und zwar so cool, dass er eigentlich jeden zweiten Tag fragt, wann er denn mal wieder zum Kinderarzt gehen dürfe. Ich bin jetzt nicht so eine große Fanin von ihm, aber wenn das Kind gerne und ohne Angst zum Arzt geht, was will man mehr? Nun, die Wartezeiten - insbesondere ohne Termin - sind mitunter absolut inakzeptabel. Ich kann und will mir nicht vorstellen, wie ich mit zwei Neugeborenen 1,5 Std. Wartezeit überleben soll? Falls da jemand was weiß: bin gespannt. 
Zum Arzt sind es etwa 10 km. Das fahren Andere innerhalb einer Stadt, das ist also kein Problem. Wobei ich immernoch denke, bzw. dachte: In 800m wäre eine Praxis. Wie fein könnte das sein? Babies in den Kinderwagen, hinschieben, fertig. 

And isn't it ironic?
Am letzten Dienstag bekam das Minimolekül schlimmen Husten, die Nase triefte eitrig und zack, waren da 40 Grad Fieber. Ich rief nachmittags bei unserem Kinderarzt an. Bandansage: Wir sind in dieser Woche nicht besetzt. Bitte wenden Sie sich an unsere Vertretungsärztin...haha und 86 Mal können Sie jetzt alle raten, wer als Vertretung angegeben war? Zufälle gibt's! 
Also die Nummer der "Mir eigentlich schnurz, wir nehmen KEINE KINDER. UND MIT KEINE MEINE ICH: KEINE! GAR KEINE!" Praxis. 
Bandansage: Wir sind heute nicht da. Uns vertritt die Praxis Puselmuckel in Puselmuckelshausen. 
Äh??? Sprechen die sich nicht ab? Die Vertretung ist nicht da und hat eine Vertretung? 
Nun gut, dem Minimolekül ging es mit Zäpfchen weitestgehend gut, also rief ich am Mittwochmorgen direkt wieder bei der Praxis an. 
"Guten Morgen, wir sind eigentlich beim Doktor PIEP in Behandlung. Sie sind als Vertretung angegeben. Mein Kind hat 40 Grad Fieber und ich brauche dringend einen Arzt."

"DAS IST FALSCH! Doktor Piep hat uns einfach angegeben, ohne dass wir davon wissen. Suchen Sie sich eine andere Praxis!"

Sorry, aber nachdem ich einmal sehr laut Luft geholt habe und meine tränengefüllten Augen feste zukniff und den dicken Kloß im Hals herunterschluckte, musste ich was sagen:
"Hören Sie, ich habe hier ein fiebriges Kind. Es hatte erst vor kurzem eine Lungenentzündung und es hustet sehr verdächtig schlimm. Ich MÖCHTE zum Arzt. Sie sind angegeben. Sie sind eine Kinderarztpraxis. ICH will, dass mein Kind untersucht wird!"

"Wir sind voll. Die Ärztin nimmt Sie nicht auf!"

"Ganz ehrlich: Das ist doch ein Scherz. Ich sage Ihnen jetzt mal, was Sie Ihrer Ärztin ausrichten können: Ich werde das definitiv an die Ärztekammer als Beschwerde weitergeben. Ich bin kürzlich schon von Ihnen bei einem Notfall abgewiesen worden. Wir sind hier neu hingezogen, wohnen unweit der Praxis, ich bin schwanger mit Zwillingen und Sie behandeln mein KIND nicht?"

"Sie sind was? Neu zugezogen? Und schwanger? Ja, äh, wir weisen natürlich keine Zugezogenen oder Neugeborene ab. Das machen wir nicht!"

"AHA! Das habe ich vor 3 Monaten ganz anderes am Telefon zu hören bekommen. Da waren genau diese Dinge wortwörtlich UNINTERESSANT!"

"Ich nehme es mal auf meine Kappe. Kommen Sie in einer Stunde vorbei!"

Ich haderte. Besprach eben Gehörtes mit Herrn Herzmolekül. Wir sahen unser kleines, krankes Kind und beschlossen, dass wir (leider ja auch alternativlos, denn es gibt hier keine Kinderklinik!) den Termin wahrnehmen würden. 

Die Dame in weiß
In der Praxis steppte der Bär. Die Leute wurden mit 2-3! Std. Wartezeit wieder nach draußen geschickt. Das Wartezimmer platzte aus allen Nähten. Wir durften sofort in einen Behandlungsraum und nach vielleicht 15 Minuten Wartezeit waren wir dran. Ich weiß nicht welchem Umstand dies geschuldet war: Meinen Worten am Telefon oder der Tatsache, dass ich den Bogen für Privatversicherte ausfüllte? Ehrlich gesagt WILL ich es auch gar nicht mehr wissen. Die Ärztin war Typ Arschnase, Beruf verfehlt. Ich meine, man begrüßt doch seine kleinen Patienten (mich hat sie auch nicht begrüßt, aber das ist egal) und geht auf diese ein, oder? Sie fummelte am Kind rum und raffte nicht, dass dieses einen Body trug. Ich habe ihr dann gesagt, dass ich zum Abhören durchaus den Body öffnen könnte. Lieblos, komplett ohne Einfühlungsvermögen, ohne Erklärung oder gutes Zureden untersuchte sie den Kleinen. Kam dann zum Ergebnis: Yep. Wir segeln geradewegs wieder auf die nächste Lungenentzündung zu. Antibiotikum. Montag zum Abhören wiederkommen. Termin dafür geben lassen. Tschöhö!
Ich bekam für Montagmorgen einen Kontrolltermin und war einfach heilfroh, dass wir dem Minimolekül jetzt Zuhause helfen konnten. 


Das dicke Ende, was mich jetzt echt zum Platzen brachte
Nachdem ich die Ärztin nun kennenlernen durfte, konnte ich zumindest sagen, dass ich sie definitiv bescheuert finde. Und dass ich ihr keineswegs die nächsten Jahre unsere Kinder ärztlich anvertrauen möchte. 
Doch den Kontrolltermin wollte ich natürlich wahrnehmen. 
Und dann klingelte am Freitag mein Telefon. Und ich hörte folgende Worte:
"Sie haben am Montag einen Termin bei uns? Den müssen wir absagen, denn die Ärztin ist krank!"

"...okay...wann kann ich denn dann zur Kontrolle kommen?"

"Gar nicht. Wir geben Ihnen keinen weiteren Termin!"

Quintessenz
In was für einem Land leben wir eigentlich, in dem solche Ärzte praktizieren dürfen? In dem man mit einem kranken Kind betteln muss, damit es medizinisch versorgt wird? In dem sich Ärzte so etwas herausnehmen?
Es ist mehr als offensichtlich, dass sie mich nur aufgrund dessen, dass ich darauf beharrte, dass ich ein krankes Kind habe und sie nichts weiter als unterlassene Hilfeleistung betreiben würden, wenn sie uns nicht aufnähmen, in die Praxis gelassen haben. Und es war ganz sicher von vornherein klar, dass ich diesen Kontrolltermin niemals wirklich bekommen würde. 
Ich bin dermaßen wütend und wasweißichwasalles und werde das nicht so hinnehmen. 
Am ALLERLIEBSTEN würde ich die gesamte Praxis ja einfach vermöbeln, aber aufgrund meines behäbigen Daseins, könnte ich ihnen unterlegen sein. 
Also muss es ein bürokratischer Weg sein. Und den werde ich bestreiten. Weil SO geht's nicht. 
Ich will nicht wissen wie vielen Elter(n) es ähnlich ergeht...

Montag, 16. Januar 2017

Was ich euch versprechen kann

Mein geliebter kleiner Minimolekül-Sohn, meine beiden geliebten Bauchmoleküle,

manchmal sitze ich so da und es fließen die Tränen. Sie laufen und laufen und mein Gesicht besteht aus Tränenbächen, so dass ich nichts mehr sehe. Denn ihr wißt ja, dass ich eine Brille trage. Und dann wünsche ich mir einen Brillenscheibenwischer, aber das nur so am Rande.

Warum ich weine, wollt ihr wissen?
Nun, oftmals ist es grundlos und dann doch so völlig tiefgründig. Ich weine zum Beispiel, wenn ich darüber denke, dass dein, mein kleiner, großer Mann, Kinderwagen demnächst verkauft wird. Ich weine um jeden einzelnen Moment, den du in dieser großen Kinderwagenwanne gekuschelt hast, während ich dich mit übersprudelnder Liebe durch die Gegend schaukelte. Ich weine um jeden Atemzug, den du dort machtest. Um deine großen, neugierigen Säuglingsaugen, wie sie mich unzählige Male aus dem Wagen anschauten. Vertrauensvoll. Geliebt.
Ich weine, weil dann wieder ein Abschnitt vorbei ist und das macht mich einfach derzeit sehr verletzlich.

Wenn ich etwas tiefer (was übrigens, ihr könnt euch das schon denken, nicht ohne Tränen geschieht) in meine Gefühlsmaterie einsteige, wofür ich sehr viel Mut benötige, dann weiß ich, dass meine Tränen sehr viel mehr bedeuten als Wehmut. Sie sind im Grunde alles, was mein Mutterherz und mein eigenes Kinderherz fühlen: Angst. Verunsicherung. Panik. Und Liebe. Liebe. Liebe.

Ich könnt euch nicht vostellen, welche tieftraurigen Momente ich durchlebe, wenn ich mir ausmale, dass wir mal ein schlechtes Verhältnis zueinander haben werden. So wie ich es habe. Zu meiner Mutter. Es ist verkorkst. Es ist so überhaupt nicht so, wie es sein sollte. Wie es zwischen Kindern und Eltern, hier Müttern doch eigentlich normal wäre. Nein, es ist kompliziert. Schwer. Und auch, so fürchte ich, nicht mehr heilbar. Ich kann mein Herz einfach nicht mehr öffnen. Ich versuche es, sie gibt sich tendenziell auch ehrlich Mühe, aber das reicht einfach nicht, dass es jemals gut werden wird. Zu oft verletzt. Zu oft am Boden. Und nie ein Wort der Aussprache. Des Fehlereinräumens. Nichts.

Genau dann werde ich panisch. Was ist, wenn sich Fehler wiederholen? So wie sie eure Großmutter bei mir wiederholte, weil sie es von ihrer eigenen Mutter nicht anders kannte?
Reicht es, dass ich mir der schlimmen, der schlimmsten Verletzungen sehr bewusst bin? Reicht ist, dass ich noch heute spüre, wie weh mir Vieles tat. Wie ich mich fühlte? Ich wünsche es mir von Herzen.

Seit zwei Jahren kann ich dir, mein kleiner Sohn bereits eine Mama sein, die du verdient hast. Oft umtreiben mich Selbstzweifel, ob ich denn auch wirklich die beste Mutter für dich bin? Ich versuche dir in jedem Moment, den wir zusammen sind, zu vermitteln, dass du mit jedem Wutanfall, mit jedem "Geh weg, Mama" und mit jedem Fitzelchen deiner bereits jetzt sehr stärken Persönlichkeit PERFEKT bist. Dass du immer bedingungslos geliebt wirst. Dass ich dich immer SEHE. Dir zuhöre. Dich Ernst nehme. Das beispielsweise habe ich nie vermittelt bekommen. Deswegen frage ich mich, ob du das verstehst wie ich es meine? 

Tief in meinem Herzen glaube ich, dass das die Grundlage für eine glückliche Kindheit und für eine gefestigte Persönlichkeit ist: Das Wissen, dass man bedingungslos geliebt wird. Dass man keine Fehler hat (ich hasse es von Fehlern zu sprechen), sondern eben auch schwierige Eigenschaften. Dass aber genau die guten und die komplizierteren Eigenschaften DICH und deine Geschwister zu den Menschen machen, die ihr seid und sein werdet. Und dass auch sie zu euch gehören. 
Ich will euch dieses Vertrauen in euch und eure Fähigkeiten ins Herz pflanzen. Niemand soll euch jemals das Gefühl geben können, dass ihr NICHTS wert seid. Dass ihr zu fehlerbehaftet seid, um geliebt zu werden.
Wenn ich das schaffen sollte, dass ihr im Umgang mit anderen Menschen zu respektvollen, selbstbewussten, erst kleinen und dann großen Menschen werdet, dann habe ich schon sehr viel erreicht.  

Ich kann euch nicht versprechen, dass wir uns niemals streiten werden. Ich kann euch nicht sagen, dass das Leben immer zuckerwattig sein wird. Ich kann euch nicht versprechen, dass ihr niemals Angst und Kummer erleiden werdet. Ich würde dies alles gerne tun, aber dazu kenne ich das Leben gut genug, um euch nicht anzulügen.
Ich kann euch nicht sagen, dass ich immer mit all euren Entscheidungen einverstanden bin. Dass ich euch niemals reinreden werde. Dass ich immer eine unkomplizierte, entspannte Mutter für euch sein werde, auch wenn ich das von Herzen gerne täte.

Einzig, dass ich euch immer lieben und begleiten werde. Dass ich euch bei Angst und Kummer und auch bei Wut auffange. Dass ich wie eine Löwin für euch kämpfen und einstehen werde. Dass ich euch immer und immer wieder sagen werde, dass alles gut wird. Denn das wird es. Immer. Egal wie lange es dauert. Und euch immer in die Arme schließen werde, wenn ihr das möchtet, das ist das, was ich euch versprechen kann.


Ich liebe dich. Und dich. Und dich.

Mittwoch, 11. Januar 2017

Toni

Du heißt eigentlich mit Vornamen gar nicht Toni. Du heißt so wenig Toni, wie ich Annette oder Ayse heiße. Du hast einen sehr muslimischen Vornamen. Aber dein Nachname, der reimte sich so wunderbar auf Toni (so wie Toni Maccaroni), dass ich vor fünf oder sechs Jahren (ich weiß es nicht mal mehr genau) im Lehrerzimmer stand und du schlakstest da so herein und es war klar: Du bist Toni. 

Mit der Zeit habe ich deinen eigentlichen Vornamen nur noch dir gegenüber formuliert. Insgeheim warst du für alle Toni. Manchmal, wenn du mich in meiner Pausenaufsicht zuquatschtest, da rutschte mir fast versehentlich: "Boar Toni, lass mich mal in Ruhe hier stehen" heraus. Und ich vergaß deinen wirklichen Vornamen im Gespräch oft. Wer dann nicht zum Inner "Toni"-Circle gehörte, der schaute schon echt komisch. Aber egal, du bist Toni. Du wirst das auch bleiben.

Du bist vor vielen Jahren aus einem afrikanischen Land zu uns gekommen. Dass ich das Land nicht genauer definieren kann, macht mich seit zwei Tagen ziemlich traurig. Ich weiß es nicht (mehr). Ich habe es vergessen. Es ist nicht so, dass ich mich nicht für deine Herkunft interessiert habe, aber es war immer wahnsinnig anstrengend für mich und alle Anderen sich mit dir auf Deutsch zu unterhalten. Wie oft kamen Schüler zu mir und sagten: "Der Herr T., der ist total nett. Aber wir verstehen kein einziges Wort von dem, was er sagt/erklärt!" und ich versuchte ihnen immer Mut zu machen dann eben 25678 Mal nachzufragen oder dir direkt zu sagen, dass sie dich nicht verstehen.

Ich war immer ehrlich zu dir. Du hast mich manches Mal absolut in den Wahnsinn getrieben. Du hast so eine Art, die mir immer sagte:" Hallo, kleines, dummes Mädchen. Ich erkläre dir mal die große, weite Welt des Lehrerberufes!" Puuuuh, ich weiß gar nicht wie oft ich dich im Lehrerzimmer angeblufft habe oder dir manche Morgende auch regelrecht aus dem Weg ging, weil ich schlichtweg keinen Nerv auf weitere Belehrungen deinerseits hatte. Und das habe ich dir auch gesagt: "Toni, bitte quatsch mich um 7 Uhr nicht wegen XYZ an. Später, ja?"
Nie nahmst du mir das krumm. Meist hast du gelacht, irgendwas in dich hineingefaselt, was ich nicht verstand und gut war.

Bei deinen Schüler lässt du Milde und Güte walten. Und das hat dich schon sehr oft an deine persönlichen Grenzen gebracht. Sie respektierten dich als muslimischen Älteren, aber nicht als Pädagogen. Dazu bist du zu weich. Zu nachlässig. Zu lieb.

Als ich vor 3 Monaten die Schule verließ, hatten wir zuvor große Probleme in meiner Klasse. Die Schüler waren aufmüpfig und frech. Besonders zu dir. Es war dir meist gar nicht möglich dort zu unterrichten. Unzählige Gespräche, Sanktionen und andere pädagogische Maßnahmen versagten. Das tat mir aufrichtig leid für dich. Denn du bist ein Guter. Wirklich.

Wenn du nicht gerade eine deiner Belehrungen (die du übrigens, so bin ich sicher, niemals böse meinst, nur leider nicht bemerkst, wie falsch das ankommt!) losgelassen hast, kamst du immer - und ich meine IMMER - zu mir und hast mir irgendetwas zu essen angeboten. Okay, du warst da auch schon sehr penetrant, denn wenn ich morgens um 8 Uhr noch keine mit Zwiebeln gefüllten Hackfleischrollen essen mochte, dann hieltest du mir die Tupperdose trotzdem stur weiterhin vor die Nase. Und noch einen Zentimeter. Und noch einen. Jetzt sitze ich hier und grinse. 
Und du hattest immer kiloweise Obst dabei, damit du das gesamte Kollegium notfalls hättest durchbringen können.

Damit deine fünf Kinder es besser/leichter haben würden als du, hast du ihnen die bestmöglichste Ausbildung angedeihen lassen. Und so leben sie alle mit deiner Frau seit nunmehr drei Jahren in England. Deine älteste Tochter hat dort gerade einen Studienplatz ergattert und du hast mir davon zu recht wahnsinnig stolz erzählt.
Gerade das finde ich sehr bemerkenswert an dir. Du, der tiefgläubige Moslem, dessen Töchter ausnahmslos Kopftuch tragen müssen, du wolltest, dass sie was lernen. Nicht nur deine Zwillingssöhne, sondern mindestens genauso deine Töchter. Sie sollten einen Beruf erlernen. Selbständig werden. Sich selber ernähren können. Und dafür nahmst du schon diese vielen Jahre des Getrenntseins in Kauf. FAST JEDES Wochenende fuhrst du mit dem Auto zu ihnen. Und wenn dann mal eine Zahnspange fällig war, dann holtest du "mal eben" eines deiner Kinder sonntags ab und brachtest es dann freitags einfach wieder zurück. Ich weiß noch, dass ich dir häufig sagte, wie zeitintensiv diese Fahrerei sein müsste und du hast es jedes Mal abgewunken. 

Toni, du siehst (wenn du das auf deiner Wolke oder in deinem Paradies unter einem Apfelbaum im Schatten sitzend liest) mir fällt es schwer über dich in der Vergangenheit zu schreiben. Ich kann es nicht verstehen, dass du - fast auf den Tag ein Jahr nachdem H schon so jung aus unserem Kollegium und unserer Welt gegangen ist - auch gegangen bist.
Es macht mich unfassbar traurig, dass du so allein, ohne deine Familie so plötzlich von heute auf morgen gehen musstest. Dass du samstags vor Schmerzen ins Krankenhaus gehst und sonntags nicht mehr aufwachst. Das ist alles unbegreiflich. Bestürzend. Traurig.

Ich war - wie ich schon schrieb - ganz oft genervt von dir. Aber ebenso wie ich genervt war, habe ich dich immer als sehr lieben, gutmütigen Menschen betrachtet.
Du wirst fehlen. Wieder einer wird fehlen. Wieder wird ein schwarzes Band um das Kollegiumsbild im Eingangsbereich der Schule hängen und wieder einmal werde ich schlucken müssen, wenn ich es sehe. Oder wenn ich dein Fach sehe. Oder wenn ich afrikanische Hackfleischrollen sehe.


Penny