Montag, 9. Mai 2016

Vergrätzung

Hier geht es drunter und drüber. Und nicht in einem noch gemäßigten Drunterunddrübertempo, ne, ne: im Sauseschritt. Toll, jetzt habe ich mir einen lupenreinen Ohrwurm eingefangen: "Und ich düse, düse, düse im Sauseschritt. Und nehm die Liebe mit auf meinem Himmelsritt!" Wer das nicht kennt, der ist jung: Ja haaalloooooo, lieber junger Mensch auf meinem Blog. Alles stabil?

Stabil. Ein mehr als beknacktes Wort. So beknackt wie...äääh...ich finde gerade ist es meine Top 1 der beknackten Wörter. Und doch sagen es meine Schüler unentwegt: "Der is' voll stabil, der Ahmet, Frau Herzmolekül" oder "Staaaaabiiiiiil, Frau Herzmoleküüül, voll staaaaaabiiiiil von Ihnen!" 
Auf meine Frage woher dieses bescheuerte STABIL kommt, bekam ich eine stabil beknackte mir nicht ansatzweise einleuchtende Antwort. Sprachverfall! Der Sprachverfall ist nicht mehr aufzuhalten. Leute, passt auf eure Worte auf, die gehen umbemerkt flöten und werden einfach durch ganz, ganz grottige ersetzt. 
Ein Kampf gegen Windmühlen. Furchtbar. 

Im Zuge unserer Auswanderung (ist so. Wir wandern aus dem Zentralruhrpott an den idyllisch gelegenen Ruhrpottrand. Das ist wie auswandern!) haben wir uns um einen Kitaplatz für das Minimolekül gekümmert. Das war teilweise spektakulär. Wir haben uns dafür entschieden den kleinen Mann ab August in eine Minibetreuungsgruppe zu geben, sprich: maximal 9 Kinder und zwei Tagesmütter, die sich zusammentun, Räume anmieten und so einen Minikindergartenclub anbieten. Genau unsere Vorstellung von Betreuung. Fünf! dieser Einrichtungen haben wir (plus zwei Kita) nun besucht. Immer mit dem Miniherren dabei. Immer wieder mit anderen Reaktionen auf die Damen. Und umgekehrt. Da waren sehr offene Betreuerinnen, die auf ihn herzlich zugingen, dann die eher zurückhaltenden, die ihn erstmal in Ruhe ließen und die Ignoranten, die allen anwesenden Kindern beispielsweise gerade ein Stück Banane gaben und unser Kind jammernd und traurig daneben stand. Natürlich gibt man einem fremden Kind nicht einfach so etwas zu essen. Aber wir Eltern waren dabei, man hätte auch galant nachfragen können, ob unser Kleiner auch etwas haben darf und ihm dann etwas abgeben können. Also beschwichtigte ich ihn und tröstete und lenkte damit ab, dass im Auto gleich auch etwas für ihn da wäre. Sowas finde ich zum Kotzen.
 
Noch kotziger fand ich dann das weitere Prozedere: Die Tante druckste blöd rum, dass ja mehrere Kinder auf der Warteliste stehen würden und sie das mit ihrer Kollegin im Juni!!! entscheiden würden, welches Kind den Platz bekäme. Ähm, ja klar. Zudem faselte die Dame etwas von: "Das Alter muss ja zu den anderen Kindern passen. Wir nehmen jetzt nur ein November oder Dezemberkind 2014. Das passt dann zu Kind x. Oder ein Januar 2015 Kind, passend zu Kind y." Ooookaaaaaay! 
Nun, wir setzten (in der Not) unseren Zwerg erstmal auf die supibeliebte Warteliste und wussten aber schon beim Rausgehen: Das wollen wir nicht! Auf gar keinen Fall. 
Dann schauten wir uns DIE Einrichtung an, bei der das Minimolekül uns zeigte: "Leute, die Sache ist entschieden, ich bleib hier!"
Es passte einfach und wir bekamen sofort die Zusage für diesen Platz. 6,5 Tonnen Herzklotz leichter konnte ein wesentlicher Punkt endlich als geklärt betrachtet werden.

Dann klingelte vorletzte Woche das Telefon. Die "Ich gebe dir keine Banane und dein Geburtsmonat muss mit einem anwesenden Kind kompatibel zum weiß der Geier warum auch immer sein-Schrabnelle" rief mich mit folgendem Wortlaut an:
"Ja, guten Tag. Sie möchten doch gerne einen Betreuungsplatz haben. Ich habe seeeeeehr gute Nachrichten für Sie!"
"Ja?"
"Meine Kollegin und ich haben entschieden, dass Sie zusammen mit Ihrem Sohn am 1. Mai zum Elterngrillen (hahaha, nicht monatskompatible Erzeuger werden geopfert. Spanferkelgrillen mal anders) einladen. Und dann kommt noch ein anderes Kind und wir entscheiden dann gemeinsam mit den anderen Eltern welches der beiden Kinder wir dann aufnehmen!"

Ich musste wirklich innehalten. Ich bin ja nicht so der diplomatische Typ und sage frei heraus, was ich denke. Aber da war selbst ich zunächst perplex. DAS konnte ja nur ein ganz STABILER WITZ sein.
"Wir haben kein Interesse an Ihrem Platz. Danke!"
"Aber Ihr Kind ist klarer Favorit. DAS ist ja schade!"
"Dann fällt Ihnen die Auswahl ja nicht schwer!", konnte ich noch halbwegs wohlerzogen formulieren, ehe ich das Gespräch beendete.
In was für einer OBERBEKNACKTEN COMPETITIONWELT leben wir eigentlich, dass man heutzutage für einen Betreuungsplatz als Eltern und - was noch viel, viel schlimmer ist - als Kind  einem unfreiwilligen Wettbewerb ausgesetzt wird? 
Was sind das für Betreuungsgranaten, wenn sie solch eine Philosophie leben?
Ich bin noch immer regelrecht sauer. Stinkesauer. Man stelle sich dieses Grillen nur einmal vor. Hätten die anwesenden Eltern dann per Händchenheben, per Stimmzettel oder was weiß ich per irgendwas dann in unserem Beisein darüber abgestimmt, welches Kind bleiben und welches gehen darf? 
Hätte man dem "Verliererkind" die Wurst aus der Hand gerissen und gesagt: "Tut mir leid, du musst jetzt mit deiner Mama und deinem Papa gehen. Du hast VERLOOOOOREN?"
Geht's noch?

Ich möchte das NIE-NIE-NIEMALS wieder erleben. Die Welt da draußen ist ohnehin und früh genug ein Kampf. Ein steter Wettkampf. Um gute Noten. Einen guten Ausbildung- oder Studienplatz. Um ein gutes Leben. Ich verwehre mich dagegen, dass ein nicht mal 1,5 Jahre altes Menschlein - wenn auch unbewusst - in dieses System gezwungen wird. Und ich gehe noch weiter: ich protestiere dagegen. Ich werde mich schützend vor unser Kind werfen und so lange es geht dafür sorgen, dass er KIND sein kann. Unbeschwert. Unbelastet. Und vor allem UNVERGLEICHLICH!!

Eure sehr entrüstete Penny,
die so unfassbar froh ist, wenn wir endlich, endlich in unserem neuen Heim leben können, aber bis dahin fahren noch viele Bauschuttcontainer die Straße entlang! ❤️